
Der Begriff "aiki" läßt sich weit in die Geschichte der japanischen Kampfkünste zurückverfolgen. Wörtlich kann man aiki mit 'vereinte Sinne' übersetzen, mit der Bedeutung, alle Sinne zu bündeln und auf ein Ziel/eine Handlung, auszurichten, um dann aus dieser Konzentration heraus die zielgerichtete Absicht/Handlung des Opponenten mit in diese Fokussierung aufzunehmen, und ihn durch diese 'Einheit der Sinne' zu beherrschen, zu kontrollieren und letztendlich zu vernichten.
Im 18. Jhdt. hatte der Ausdruck offenbar eine Bedeutung angenommen, wie sie in dem vom Meister des Kito-ryu jujutsu verfaßten Toka mondo (Diskussion bei Lampenschein) ausgedrückt wird. Darin heißt es, daß aiki den Zustand beschreibt, wenn zwei Opponenten in einer kriegerischen Auseinandersetzung durch die vollständige Konzentration auf die Atmung des anderen zu einem Stillpunkt kommen.
Daneben gibt das 1892 veröffentlichte Budo-hiketsu Aiki no Jutsu eine neue Definition: danach ist aiki das höchste Ziel des Studiums der Kampfkünste, das dadurch erreicht werden kann, daß man dem Gegner immer einen Schritt voraus ist, indem man seinen Geist erkennt und indem man einen Kampfschrei verwendet.
In diesem Sinne können aiki und kiai als der passive und der aktive Aspekt desselben mentalen Zustandes angesehen werden, in dem zwei Opponenten geistig so verbunden sind, daß derjenige mit dem stärkeren Geist den schwächeren beherrscht.
Erst Ueshiba Morihei gibt dem Begriff aiki eine neue Bedeutung, indem er beginnt, von universeller Liebe zu sprechen. Aiki impliziert nun nicht mehr Prinzipien und Techniken, einen Gegner im Kampf zu beherrschen, zu überwinden und zu vernichten, sondern es wird Ausdruck des Bemühens, die gegensätzlichen Intentionen der Kontrahenten im Sinne einer himmlisch-kosmischen Harmonie in Einklang zu bringen, zu harmonisieren. Das Prinzip des aiki, der Überlegenheit durch die völlige Fokussierung aller Sinne, dient dazu, den eigenen Zweifel und inneren Konflikt zu besiegen, um aus diesem Zustand heraus eine friedliche und harmonische (Ko-)Existenz aller Lebewesen zu schaffen.
Entscheidend für die Wahl, den Ausdruck aiki in dem Namen für seine Kunst zu verwenden, war
sicherlich Ueshiba Moriheis Studium des Jujutsu unter Takeda Sokaku. Seit etwa 1922 tauchte in Sokakus
eimeiroku (Aufnahmebüchern) erstmals der Name Daito-ryu aiki-jujutsu anstelle von Daito-ryu
jujutsu auf. Stanley Pranin gibt zwei Erklärungen hierfür: einerseits soll durch die Begriffswahl eine
Unterscheidung gemacht worden sein zwischen Sokakus Techniken und denen Moriheis, der angeblich begonnen hatte,
die Techniken des Daito-ryu zu verändern. Andererseits soll Sokaku nach Angaben seines Sohnes
Tokimune seine Lehren in "Stufen" unterrichtet haben, jujutsu als eine Art grundlegendes
Training und aiki auf einem höheren Level.
Trotzdem bleiben beide Erklärungen unbefriedigend, da der Ausdruck aiki erst ab 1922 auftaucht, danach
aber auch nach Moriheis Trennung von Sokaku Verwendung findet. Der 'wahre Grund' wird also vermutlich für
immer im Dunkeln bleiben.
Ueshiba Morihei unterrichtete noch eine Weile Daito-ryu und stellte auch Zertifikate in dessen Namen aus, bevor er begann, sich von den Lehren seines Meisters zu distanzieren. Er selber maß anscheinend einer klaren Namenswahl keine so große Bedeutung bei, und um 1925, als Morihei begann in Tokyo aktiv zu werden, war seine Lehre unter Namen wie Daito-ryu aikibujutsu, Ueshiba-ryu jujutsu, Aikijujutsu, Asahi-ryu jujutsu und Aiki budo bekannt; in seinem 'Aikido primer' sagt Eric Sotnak, daß Morihei zeitweise auch den Namen Aikinomichi verwendet haben soll. In jedem Fall war Aiki budo der am meisten verwendete Name in der Zeit von Mitte der 30'er Jahre bis 1942.
Etwa um diese Zeit hatte der Dai Nihon Butokukai, eine von der japanischen Militärregierung geschaffene
Dachorganisation für Kriegskünste, damit begonnen, eine standardisierte Nomenklatur der modernen Kriegskünste zu
entwickeln. Im Gegensatz zu Namen wie judo, kendo, iaido, karatedo etc. stellte
der Name aiki budo insofern ein Problem dar, als er den generischen Ausdruck budo enthielt.
Dem
Gremium des Butokukai gehörte auch Hirai Minoru an, Ueshibas offizieller Repräsentant seines Kobukan dojo und
späterer Begründer des Korindo-aikido. Hirai Minoru nahm offenbar wesentlichen Einfluß auf die Entscheidung, die
Silbe "bu" aus dem Namen zu streichen, so daß es schließlich 1942 zu der Namensgebung "Aikido" kam.